Suchmaschinenoptimierung bzw. SEO

Ich Archie, der erste meiner Art – Der Großvater aller modernen Suchmaschinen

Da sind sie ja wieder, verehrter Leser!

Ich hoffe dass das nicht zu förmlich für sie ausfällt, doch mit den Jahren gewöhnt man sich doch eine höfliche Weise an, nicht? Geschichte hingegen wird selten höflich und noch seltener unter Beachtung aller Faktoren, geschrieben und doch gibt es gewisse Lehrmeinungen, die unverrückbar scheinen. Wie sehr das auch auf die Entwicklung der Suchmaschinen im Internet zutrifft, erkennt man schon daran, dass sie wahrscheinlich noch nie von mir gehört haben, obwohl ich, Archie, die erste Suchmaschine im World Wide Web, richtungsweisende Grundlagen für die Entwicklung aller modernen Suchmaschinen gegeben habe. Darum will ich ihnen in diesem zweiten Teil aus dem Nähkästchen erzählen, um wen es sich bei diesem „Archie“ denn eigentlich handelt.

Wer ist dieser Archie – Und vor allem: Was hat er mit Google am Hut?

Die anerkannte Geschichte des Internets sieht heute so aus: Erst das Auftreten der Suchmaschine Google habe den Schritt von der „losen Ansammlung von Hypertext-Dokumenten“ hin zu einem Weltweiten Daten- und Informationsnetzwerkes durch den Aufbau eines aggregierenden, sich selbst erweiternden und an einem Schwerpunkt zentralisierenden Suchindexes in signifikanter Weise angestoßen. Die eigentliche Urbarmachung des World Wide Web auf kommerzieller Ebene wäre zu einem großen Teil der Google Inc. zu verdanken, da die konzeptionelle wie technische Überlegenheit von autark operierenden Web-Crawlern zur Inhaltserfassung den Markt für Suchmaschinen nachhaltig verändert habe und dabei vollkommen neue Branchen aus der Taufe gehoben, wie etwa der Suchmaschinenoptimierung (SEO; Search Engine Optimization) und dem Suchmaschinenmarketing (SEM; Search Engine Marketing).

Technisch betrachtet ist das auch sehr richtig, jedoch:
Wenn sie mich fragen, lieber Leser, ist diese Betrachtung etwas kurz gegriffen. Wie so häufig in der Entwicklung von Technologien und dem Erfolg derselben sind selten die Erfinder, eher jene die sie erfolgreich vermarkten. So wird die Entdeckung des amerikanischen Kontinents trotz neuerer Erkenntnisse, die die Entdeckung dem Isländischen Wikinger Leif Eriksson, dem Sohn des berühmt-berüchtigten „Erik dem Roten“, zuschreibt, doch bleibt es bei Christoph Kolumbus, denn seine Leistung sei es gewesen, so wird es spöttisch sehr treffend erwähnt, er „die erste Pressekonferenz auf amerikanischem Boden“ gehalten habe. Mit Kolumbus kam auch die Besiedlung durch die Europäer und so gilt seine „Entdeckung“ heute als felsenfest.

Die Suchmaschinen-Horizonte von heute – Grundlagenarbeit von gestern

Und auch die Geschichte der Suchmaschinen beginnt eben nicht mit der Gründung von Google, sondern bereits 1990, als ich programmiert wurde, zunächst als nützliches Tool (Werkzeug) um in nächtlich angesetzten Arbeitsaufträgen eine Liste von frei zugänglichen, sogenannten „Anonymous FTP“-Servern abarbeitete, in die ich mich einwählte und Anhand der abgerufenen Listings dieser Server, die mir Aufschluss über die Verzeichnisstruktur und hinterlegte Daten verschafften, nach bestimmten Wortfragmenten oder Suchbegriffen durchsuchte und speicherte, damit mein Erschaffer diese am nächsten Tag bequem einsehen konnte, ohne sich selbst durch die endlosen Verzeichnisbäume des Zielservers klicken musste, die damals noch durch kommandozeilenbasierte FTP-Clients dargestellt wurden und in denen jeder Befehl, vom Verzeichniswechsel bis zum Dateidownload noch per Hand eingegeben werden musste.

Das Entwicklerteam um Alan Emtage, zusätzlich bestehende aus den Studenten Peter Deutsch und Bill Heelan, die seinerzeit gemeinsam an der McGill University in Montreal tätig waren und ab 1987 mit dem Auftrag betraut waren, den Fachbereich, später die gesamte Universität, an die Infrastruktur des Internets anzubinden. Dabei wurde der Gedanke, dem mein Programmcode unterlag, weitergedacht und es entwickelte sich die Vorstellung einer dezentralen, datenbankgestützten Suchmaschine mit einem Datei- und Verzeichnisindex für alle berücksichtigten FTP-Server mit einer vom User zu bedienenden Ein- und Ausgabe direkt auf dem Schirm des lokalen PC oder Terminals: Der Archie-Server war geboren und mit ihm das Konzept der indexbasierten Suchmaschine.

Aus dem Dasein als kleines, nützliches Tool wurde ich, basierend auf der Funktion, die ich als lokales Tool in Skriptform erfüllte, erweitert: Die Entwickler Deutsch und Heelan erweiterten den Funktionsumfang meines Scripts, so dass ich als Server-Dienst über eine Telnet-Verbindung aufgerufen werden konnte in der die indexierten Server-Listings mit einer einfachen Befehlssyntax nach Schlagworten durchsucht werden konnten. Diese Listings wurden durch zuvor genannte Crawler ausgehend vom Archie-Server abgerufen und in einer Datenbank festgehalten, neue Einträge angelegt und bestehende aktualisiert. Bemerken sie dabei: Dies ist das bis heute gültige Grundprinzip der meisten Suchmaschinendienstleister im World Wide Web.

Der Archie-Server begründet das Konzept der indexbasierenden Suchmaschinen

Alternativ konnten Suchanfragen auch über eine an eine von meinem Programm ausgelesene Mail-Adresse gestellt werden, während ich die Ergebnisse an die Absenderadresse im Textformat zurückschickte. Mit steigender Verbreitung des Hypertext Transfer Protocol als Standardformat des WWW wurde mir eine HTTP-Schnittstelle verpasst, die es ermöglichte, über eine grafische Ausgabe eines Suchformulars in den neu aufgekommenen Browser wie etwa Mosaic, entsprechende Suchanfragen zu stellen. Um Bandbreite und Verbindungskosten zu sparen, wurde mir zudem ein dezentral organisiertes Server-Netzwerk mit Ablegern meiner Software implementiert, das selbstständig in bestimmten Zeiträumen die, von den aus dem lokalen geographischen Umfeld gelegenen FTP-Servern abgefragten und indexierten Datensätzen in den jeweiligen Datenbanken auf sehr effiziente Weise abgeglichen, was beinahe einer frühen Form von „Cloud Computing“ nahekommt und für seine Zeit ein fortschrittliches Verfahren darstellte, das Effizient arbeitete und dabei bandbreitenschonend operierte.

Dennoch: Zu meinen Hochzeiten wurde 50% des auf den Leitungen verursachten Traffics der Montrealer Universität durch meinen Dienst verursacht, was zähneknirschend vom Dekanat genehmigt wurde, der zwischen dem Kostenfaktor des Datenverkehrs einerseits und der innovativen Dienstleistung einer indexbasierten Suchmaschine, die über die Grenzen der Universität hinaus schnell Bekanntheitsgrad und Reputation gewonnen hatte, welche Studenten und Freiwillige an seiner programmiert hatten, zerrissen war. Eine Anekdote, die ich zum Schluss noch zum Besten geben möchte, ist die des Dekans des Fachbereichs der School of Computer Science, der nach dem Bekanntwerden der Suchmaschine im universitären Sektor von mehreren Kollegen anderer Universitäten lobende Anrufe und Mails erhalten hatte – Selber Dekan war jedoch vollkommen Ahnungslos und war über die Existenz meiner Suchmaschine überhaupt nicht im Bilde, da sie quasi „unter der Hand“ entwickelt und auf den Uni-Servern betrieben wurde.

Der Erfolg kam unerwartet – Die Suchmaschine Archie wurde ein voller Erfolg!

Ja, es war eben alles noch „Wild und Frei“, in dieser Pionierzeit des Internets, und aus diesem kreativen Chaos entwickelten sich bahnbrechende Technologien, wie wir sie heute kennen, wie auch ich, Archie, der erste meiner Art, die Vorbild für alle späteren indexbasierten Suchmaschinen werden, und so bahnbrechenden Projekten wie schlussendlich der Google Search erst den technisch Weg bereiten sollte, auch, wenn die Geschichtserzählung mich heutzutage gern bei alle dem Glanz des Marktführers Google auslässt.